Klimagipfel in Kopenhagen


Auf Grün geschaltet


wanderingrocks.de behauptet ja schon, sehr grün zu sein. CO2 einsparen hier. Für Tiere spenden da. Der Autor war früher aber mal eine richtige Sau, die Gläser an die Wand geschmissen hat und mit 200 Sachen in Papis Benz über die Autobahn geheizt ist. Wie kams zum Wandel?

In meinem Freundeskreis werden oft und gerne diverse Geschichten aus unserer Jugend zum Besten gegeben. Besonders in letzter Zeit gerne gern erzählt: „Christian, die Umweltsau.“

„Ich kann mich noch ganz genau erinnern!“, setzt dann in lustiger Runde der Erzähler an. „Du, im Benz deines Vaters. Hast uns alle zum Badesee gefahren. Auf dem Rückweg: Fenster runtergekurbelt (um der Geschichte einen noch dramatischeren Anstrich zu verleihen, wird hier auch gerne mal behauptet, es sei das Schiebedach gewesen) und raus mit dem Müll, sprich Trinkbecher, der vom MacDonaldsbesuch übriggeblieben ist.“ Zusatz: „Das war mitten im Wald, in freier Natur!“

Do you know, what I mean?
Man kann der Geschichte noch hinzufügen, dass es sich damals um eine durchaus nicht emissionsarme und spritfressende Mercedes C-Klasse gehandelt hat. Und dass der Badesee auch mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Ansonsten kann ich mich persönlich nicht an diese Geschehnisse erinnern. Aber ich glaube sie. Damals war ich so drauf. Lässig war cool. Verantwortung war scheiße. Verplante (Drogen)-Sorglosigkeit gehörte genauso zum guten Ton wie Oasis, die diesen Lebensstil damals als große Rockband vorlebten. Deswegen ist man dann auch gerne mit runtergekurbelten Fenstern, Freitagnacht zu „D’you know what I mean“ ins Atomic Café gefahren. (Ich stelle ja bis heute die Theorie auf, dass viele Oasishörer sich hauptsächlich eine Scheibe vom coolen Stil der Gallagherbrüder abschneiden wollten, um ihre Komplexe zu kompensieren. Das ist kein Affront eines blurFans. Ich mochte Oasis auch richtig gerne und sehe mich als Teil dieser Theorie. Aber das ist alles eine andere Geschichte.)

Mit dieser, alle persönlichen Ängste und Unsicherheiten überspielenden, „Don’t give a fuck“-Mentalität stolperte ich ins Biologiestudium. Und lebte so meinen Stiefel erstmal weiter. Mit den Bierologen ging das prima. Die Zeit war wunderbar, brachte mir aber auch – frauenbedingt – die erste große persönliche Krise meines Lebens. In der Zeit begannen auch einige Mitmenschen meine Lebensweise in Frage zu stellen.

Von Mäusen und Menschen
Dann kam das Hauptstudium und Professor Grothe. Hauptfach: Neurobiologie. Ich fand die Neurowissenschaften unheimlich spannend und kann mich auch heute noch dafür begeistern. Was mir nicht ganz klar war: auf wessen Kosten die Erkenntnisse gewonnen werden. Eines meiner Praktika absolvierte ich am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried. Der Keller dieses hässlichen 70er-Jahrebaus ist eine Mäusestadt. Die Menschen dürfen dort nur mit plastikumhüllten Schuhen und Mundschutz hinein. Zu sehen: diverse Räume mit Hunderten von Käfigen mit Tausenden von Mäusen darin. Die Tiere teilweise mit gezielt abgeschalteten Genen (sogenannte Knock-Out-Mäuse), die zu Verhaltensstörungen wie ständiges im Kreislaufen führen. Ein unschöner Ort.

Noch viel unschöner sind dann die teilweise sehr quälenden Versuche, für die die Tiere ausschließlich gehalten werden. Wer einmal eine Maus nach einer Überdosis Narkotikum gesehen hat, deren gesamte Körpermuskulatur krampft und die gegen den Atemstillstand kämpft, weiß, wovon ich rede. Wer einmal den aufgebohrten Schädel einer Fledermaus gesehen hat, deren Hirnströme mit Elektroden gemessen werden, weiß, wovon ich rede. Wer, wie wahrscheinlich viele, sowas noch nicht gesehen hat, kann sich denken, wie scheiße es den Tieren geht. Besonders betroffen hat mich gemacht, wie unmenschlich mit den Tieren mitunter umgegangen wird. Um eine Maus zu töten, wird sie schon mal mit dem Nacken einfach auf die Tischkante geschlagen. Klar, manche mögen sagen, dass die Methoden einen schnellen Tod durch Genickbruch bedeutet. Aber die Behandlung des Tieres wie ein Stück Werkzeug, das man schon mal einfach auf den Tisch knallen kann, macht wütend.

Dagegen muss man doch etwas unternehmen, dachte ich mir und begann mich über Arbeitsgruppen, Institute und Projekte zu informieren, die an Alternativen zu Tierversuchen forschen. Meiner Meinung nach wäre nur eine tierversuchsfreie Wissenschaft eine wirklich moderne Wissenschaft. Ich hatte die Idee, dieses Thema in meiner Diplomarbeit zu behandeln. Arbeitstitel: „Alternativen zu Tierversuchen, ein Überblick der deutschen Forschungslandschaft.“ An dieser Stelle muss ich einräumen, dass gerade in der Biologie eine Diplomarbeit immer einen großen praktischen Anteil haben sollte. Und das war bei meiner Idee schwierig umzusetzen. Wollte ich doch sozusagen einen eher lexikalischen Überblick geben, was derzeit in Deutschland in diesem Bereich möglich ist und was bereits effektiv getan wird.

Wendepunkt im Professorenzimmer
So fand ich bei den Professoren auch keine Unterstützung und musste bis zum Direktor der Abteilung Neurobiologie, Herrn Prof. Benedikt Grothe, um mein Anliegen vorzutragen. Was folgte, war der wichtigste Wendepunkt in meinem bisherigen Leben. Nachdem Grothe sich mein Anliegen tatsächlich interessiert angehört hatte, folgte ein halbstündiger Monolog, in dem meine Idee und die Suche nach Alternativen zu Tierversuchen nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen wurde – nicht gerade auf Augenhöhe. Aber man muss ihm zugute halten, dass er sich Zeit genommen hat.

Klar, dass ich einem (tierversuchsbetreibenden) Professor auf diesem Feld rhetorisch deutlich unterlegen bin. Am Anfang des Studium seien Tiere für ihn auch noch eine Herzensangelegenheit gewesen. Im Subtext schwang mit, dass es aber eher belächelnswert sei, wenn das bei einem Studenten im Hauptstudium auch noch so sei. Die Idee für meine Diplomarbeit fand er also eher doof. Er schwang sich dann weiterhin zu einer generellen Analyse der Abschlussarbeit des Biologiestudiums auf:
Diplomarbeiten seien sowieso hauptsächlich Arbeit für den Betreuer, weil der Student viele Probleme alleine ja gar nicht lösen könne. Es wäre eine lange Abfolge von Schreiben und Korrektur durch den Betreuer, bis etwas Brauchbares dabei herauskommt. Böse Zungen könnten behaupten, er halte die Betreuung für ein Klotz am Bein.

Das Tüpfelchen auf dem i dieser herablassenden Ausführung war dann der Stolz, mit dem Grothe die Finanzierung seiner Forschungsprojekte erklärte. Der Geldgeber war damals ein renommierter Chiphersteller (welche Finanzieung die Abteilung heute genießt, weiß ich nicht). Die Erkenntnisse, die durch invasive Versuche an Gerbils (Wüstenrennmäuse) gewonnen wurden, wie das Hörsystem von Säugern funktioniert, sollten quasi an die Industrie verkauft und für die Entwicklung neuer Chips verwendet werden. Ein Beispiel wie dieses Wissen schon in der Praxis umgesetzt wird, sei der kleine Robotor Yakumo aus Japan. Der könne jetzt. dank neuer Chiptechnik, erkennen, aus welcher Richtung er in einem großen Raum angesprochen wird. Beeindruckend. Beeindruckend viele Gerbils sind für derlei Erkenntnisse draufgegangen. Denkbar sei auch die Verbesserung für Spracherkennungschips in Autos, wenn man das auditorische System noch besser verstehe. Tote Tiere für die Entwicklung von Chips in Autos. Wenn er wenigstens auf die Anwendung für gute Zwecke eingegangen wäre – denn gute Spracherkennungschips könnten natürlich den Alltag beispielsweise von Rollstuhlfahrern erheblich verbessern. Aber nein, er prahlte förmlich mit seinem mächtigen Industriepartner. Wie kalkuliert dabei die Tiere auf der Strecke bleiben, das fachte in mir das Feuer nur noch mehr an, sich für diese Geschöpfe einzusetzen.
Herr Grothe hatte dann auch ein Treffen mit seinen Industriefreunden und komplimentierte mich aus seinem Zimmer.

Ich war also wachgerüttelt und endgültig auf der Seite der Tierversuchsgegner gelandet*. Eine mindestens genauso wichtige, zweite Erkenntnis aus diesem Gespräch: Obrigkeiten sind in Frage zu stellen. Falscher Respekt ist unangebracht. Was bringt Ehrfurcht vor Mitgliedern der Führungseliten wie Professoren oder Politikern, wenn es Leute wie Professor Grothe sind. Ein Blick auf die Wirtschaftskrise untermauert diese Erkenntnis, ist aber ebenfalls eine andere Geschichte.

Nicht alles ist grün, was glänzt
Nun denn, der Einsatz gegen Tierversuche schlug sich in einem Engagement bei den „Ärzten gegen Tierversuche“ nieder und war meine grüne Initialzündung. Diese dehnte sich in den folgenden Jahren langsam auf viele andere Lebensbereiche aus. Irgendwann wurde mir klar, dass nicht nur die Labortiere leiden sondern auch die Schweine, Rinder und Hühner in den Massentierhaltungen. So landete, auch dank der Denkanstöße meiner Freundin, immer öfter Biofleisch auf dem Tisch. Irgendwann wechselte ich zu einem Ökostromanbieter. Mittlerweile bin ich Mitglied bei den Grünen. An vielen Ecken und Enden wurde es also grün in meinem Leben.

Diese Entwicklung ist sicher noch längst nicht am Ende und kann immer weiter verbessert werden. Von einem klimaneutral lebenden Veganer bin ich aber meilenweit entfernt und will es auch nie werden. Es gibt sicher sehr viele Leute, die den grünen Gedanken konsequenter und besser leben als ich. Gerade auch, weil ich meine eingangs geschilderten Dämonen vielleicht nie ganz abstreifen werde, gibt es bei mir noch viele Graubereiche, in denen die Bequemlichkeit siegt. Die grüne Ampel schaltet ab und zu noch auf gelb zurück. Grünsein sollte auch immer Spaß machen und nicht in verbitterter Körnerzählerei enden. Ein bisschen politisch unkorrekt zu sein macht ja auch heute noch Freude.
Trotzdem sind mir die Tiere und die Natur so wichtig, dass ich ihnen mit wanderingrocks.de ein Forum bieten will, nach bestem Wissen und Gewissen. Immer in der Hoffnung, den einen oder anderen Denkanstoß an den Besucher meiner Seiten weitergeben zu können.





* Ich lehne Tierversuche nicht zu 100 Prozent ab und bin mir im Klaren, dass sie nicht von heute auf morgen abgeschafft werden. In manchen medizinischen Bereichen ist es sogar schwierig, auf sie zu verzichten. Die Erforschung alternativer Methoden sollte aber forciert werden. An den Stellen, an denen die Versuche noch notwendig sind, sollte so gut wie möglich mit den Tieren umgegangen werden. Abzulehnen sind sie aber beispielsweise vollständig in der Kosmetikindustrie (Botox).

27. Dezember 2009


Leser-Meinung
Wendepunkte oder Aha-Erlebnisse im Leben der Leser?
Links zurecht gelegt
Links zu wichtigen Seiten, die den grünen Gedanken denken.

www.aerzte-gegen-tierversuche.de
Engagement gegen Tierversuche

www.thebodyshop.de
Tierversuchsfreie, faire und ökologisch korrekte Kosmetik

www.co2online.de
Co2-Ausstoß im Alltag reduzieren

www.greenpeace-magazin.de
Das Magazin der Umweltaktivisten

www.howies.co.uk
Ökologisch hergestellte, schicke Klamotten aus Cool Britannia

www.monsieurpoulet.com
Noch mehr gute Ökoklamotten

www.tierheim-muenchen.de
Tierheim München

www.utopia.de
Das ökorrekte Internetportal

www.wwf.de
Der WWF in Deutschland




Ein Eisberg?